Focus 2017

Focus - Aktionszentrum für gesellschaftspolitisch engagierte Gruppen

1983-1984

Innsbruck, Ing. Etzelstrasse

Viaduktbogen 148

Träger: Verein zur Förderung von Kultur und sozialem Engagement - Focus (1983-1993)

heute: Veloflott Shop

Focus

Focus wurde 1983 in Innsbruck als gemeinnütziger Verein gegründet. Der Name Focus war programmatisch für den Verein und meinte so viel wie Bündelung der Kräfte. Er verstand sich als eine Plattform bzw. ein Aktionszentrum für verschiedene Vereine und Einzelpersonen in Innsbruck, die sich kritisch gegenüber der herrschenden Gesellschaftsordnung positionierten und verändernd auf diese einwirken wollten. Die Bildung einer breiten Bündnisfront galt dem Verein zugleich als Gegengewicht zum herrschenden System das die Aufsplitterung oppositioneller Gruppen wollte. Die Grundprinzipien des Vereins lauteten daher: Solidarität, Basisdemokratie, Gewaltfreiheit, ökologische Nachhaltigkeit, Autonomie und Einnahme des Standpunkts der Unterdrückten. Kurzfristig galt das Augenmerk der Kommunikation und der Kooperation unterschiedlicher Akteur_innen sowie der Organisation des Vereins. Theoretische Standpunkte sollten sich aus der Praxis heraus ergeben und laufend diskutiert werden. Unter Wahrung der Eigenständigkeit der beteiligten Gruppen wollte man langfristig eine regionale Gegenstruktur etablieren, die sich „in einen nationalen und internationalen Kontext“ einordnet.

Zu den Initiator_innen gehörten unter anderem: Gerhard Hetfleisch, Josef (Jussuf) Windischer, Peter Lindenthal, Bernhard Kaufmann und Veronika Holzknecht. Eine Reihe verschiedener Vereine und Gruppierungen waren in Focus aktiv, etwa die Tiroler Friedensplattform, ein Ausländerkomitee, Info 3. Welt, der Bund Demokratischer Frauen, die Sozialistische Jugend und die Homosexuelleninitiative (HOSI). Die Gründung letzterer sei laut Aussagen von Zeitzeugen auch durch Focus vorangetrieben worden. Insgesamt hatte Focus zwischen 35 und 40 Mitglieder. Der Verein bestand aus einem Vorstand, der von ordentlichen Mitgliedern der Generalversammlung auf en Jahr gewählt wurde. Neben einem Schiedsgericht und einem Rechnungsprüfer gab es ebenfalls einen Beirat. Finanziert wurde Focus vor allem über Mitgliedsbeiträge, spenden und Veranstaltungseinnahmen.

Neben zahlreichen Vorträgen (z. B. 35-Stunden-Woche, Akademiker-Arbeitslosigkeit, Kriegsgefahr, Situation von Ausländern…)  und kulturellen Veranstaltungen (z. B. Musik und Tanz in der Mensa…) brachte Focus 1984 die „Focus Info“ heraus; interne Zerwürfnisse und die finanzielle Situation ließen das Zeitungsprojekt allerdings bereits im selben Jahr scheitern. Die „TT-Aktion“ von 1985 war wohl das größte Projekt von Focus. Über einen Aktionstag, eine Podiumsdiskussion, eine Kundgebung und eine Broschüre wurden dabei das Meinungsmonopol, die einseitige mediale Berichterstattung und die personelle Zusammensetzung der Tiroler Tageszeitung problematisiert. Während dieser Zeit brachte Focus über Akin Innsbruck mit der „LandesZeitung“ auch eine eigene Gegenzeitung zur TT heraus.

1983-1984 teilte sich Focus mit der Sozialistischen Jugend (SJ) Räumlichkeiten in der Ing.-Etzel-Straße 148. Der ausbleibende Zuwachs an Mitgliedern führte jedoch bald zu finanziellen Problemen. Der Versuch Subventionen von öffentlichen Stellen zu erhalten scheiterte. Das Kulturamt des Stadtmagistrats Innsbruck begründete dies etwa damit, dass Subventionen nur an „Vereine vergeben werden, die bereits auf eine jahrelange Tradition zurückblicken können“. Aufgrund der finanziellen Situation verlor Focus das Lokal und Mitglieder trafen sich daraufhin an verschiedenen Orten, etwa am Richardweg 7 und in der Universitätsstraße 3.

Bereits in der Anfangszeit hatte Focus mit den heterogenen Zielsetzungen und ideologischen Positionierungen zu kämpfen. Die bewusst allgemein gehaltenen ideologischen Grundsätze ließen immer wieder Debatten aufbrechen und eigneten sich längerfristig nicht als gemeinsame Klammer des Vereins. Die gemeinsamen Interessen im Rahmen der TT-Aktion wirkten zwar zeitweise mobilisierend, bereits 1986 stand jedoch wieder die Frage nach einem gemeinsamen Nenner im Raum. Als neue Arbeitsschwerpunkte wurden 1986-1987 das Thema „Frieden“ (federführend hier vor allem die Friedensplattform) und das Thema „Ausländer“ (hier vor allem vorangetrieben durch Gerhard Hetfleisch) definiert. Letzterer mündete in der Gründung einer „AG Ausländer“, die in ein dauerhaftes Komitee übergehen sollte. Sie knüpften damit an Bemühungen an, die bereits 1983 im Rahmen von Focus unternommen wurden. Die AG erfuhr anfangs mit Sitzungen von bis zu 20 Teilnehmer_innen ein reges Interesse. Geplant wurden eine gemeinsame Broschüre, Seminare, Filmabende und eine groß angelegte „Ausländerwoche“ im März 1987. Neben kulturellen Veranstaltungen standen hier vor allem die Sensibilisierung für die Lage von „Ausländern“ in Österreich und der Austausch über die Situation in den jeweiligen Herkunftsländern im Zentrum. Aufgrund interner Zerwürfnisse scheiterte allerdings auch dieser Versuch.

Finanzielle Probleme, ideologische Differenzen, aber auch mangelndes Engagement einiger Mitglieder erklären, warum der Verein lediglich bis 1987 aktiv war und dann bis zu seiner Auflösung 1993 nur mehr formell existierte.

Was bleibt ist allerdings ein sehr ambitionierter Versuch eine kritische Gegenöffentlichkeit in Innsbruck zu etablieren und dabei die Bereitschaft an den Tag zu legen den Anspruch einer breiten Bündnispolitik praktisch umzusetzen. Das Focus-Lokal in den Viaduktbögen hatte zwar nur kurz Bestand, schaffte es in dieser Zeit aber unterschiedlichste Gruppierungen zusammenzubringen, den Austausch untereinander zu fördern und mit der TT-Aktion einen breiten Protest gegenüber den herrschenden Zuständen in Tirol zu organisieren. 

Quellen 
Vereinsakt „Focus“ (Tiroler Landesarchiv)
Vereinsakt „Focus“ (Privatbestand Gerhard Hetfleisch, Dokumentationsarchiv Migration Tirol)
Tiroler Tageszeitung. Unabhängig von der Wahrheit?, Focus-Eigenverlag 1985 (Bibliothek für Integration und Migration)